Tja, kommen wir mal auf den Focus der zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung.
Billy and Wyatt (war das eigentliche eine Anspielung auf Billy the Kid and Wyatt Earp?) waren keine Biker, wie wir sie heute gerne sehen, sondern sie waren Hippies. Als solche waren sie vor allem Individualisten, wogegen der heutige Biker eher ein Gruppenmensch ist, also das genaue Gegenteil. Dabei sind die diversen MCs, Stammtische und dergleichen nur ein Ausdruck hiervon.
Die Bikes damals waren Ausdruck dieser Individualität. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Billy und Wyatt mit irgendwelchen schlecht gemachten Logos, wie "Wild Hogs" oder "Del Fuegos", auf der Jacke herumgefahren wären. Soviel Struktur hatte die gar nicht. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend fuhren Billy and Wyatt einfach drauf los, allerding in umgekehrter Richtung, nicht von Osten nach Westen, wie die Altvorderen, sondern nach Osten. Wohin? Keine Ahnung. Das wußten sie wohl noch nicht einmal selbst. Vielleicht war diese Ziellosigkeit und damit die Sinnlosigkeit ihrer Reise ein Grund dafür, daß Wyatt am letzen Lagerfeuer sich und Billy als Versager beschreibt.
Die heutigen Biker dagegen sehen ihr Bike als einen Ausdruck ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe an. Da muß es dann oft schon eine Harley sein, anderes wird nicht akzeptiert. Die Bikes sind vornehmlich auf die Außenwirkung hin optimiert (Stichwort dicke Reifen oder lauter Auspuff), also somit extrem extrovertiert. Für einen Hippie wie Wyatt oder Billy wäre das ganz einfach uncool. Das Wort Poser war damals wohl noch nicht gebräuchlich.
Heute dämmert es uns natürlich, wie wenig souverän dieses laute schaut-mal-alle-her-was-für-ein-fettes-Bike-ich-habe Getue mit lautem Auspuff und schwarzem Lack ist. Wir verlagern gedanklich diese mangelnde Coolness gerne auf bestimmte Gruppen, z.B. auf die Zahnwälte.
Schön, daß "Wild Hogs" dieses Thema wieder aufnimmt, und zu dem Ergebniss kommt, daß eben nicht nur die Zahnwälte einem Image hinterherlaufen, das ihnen gar nicht entspricht, sondern auch die "Del Fuegos" im Grunde nur ein Haufen tätowierter Poser ist.
Bezeichnend find ich hier, daß Peter Fonda in seinem Gastauftritt eben KEIN Mitglied der "Del Fuegos" ist, obwohl er den Vater von Ray Liotta spielt, sondern ALLEINE fährt. Eben deshalb, weil sein Gastauftritt ein Zitat "Easy Riders" ist.
Somit hat selbst eine seichte Unterhaltung wie "Wild Hogs" noch eine interessante Note, was anderen "Bikerfilmen", in denen insolvente Schauspieler brennende Motorräder fahren, gänzlich abgeht. Die sind wirklich nur kommerzieller Shice, wie man hier so schön sagt.
Was den Zeitgeist Easy Riders angeht, so werden den heute wohl nur wenige verstehen. Die Suche nach Sinn und der hohe Stellenwert von Individualität sind heute keine Herzensangelegenheit mehr. Zwar hübschen wir unsere Bikes mit "Custom" Zubehör auf, um uns abzugrenzen, aber dennoch wohnen wir in spießigen Reihenhäusern, kaufen unsere Möbel bei Ikea und heften uns ein Namensschild an die Kutte, wenn wir zu einem Event fahren.
So. Und jetzt werde ich mal den Kollegen einen Kaffee kochen.....
__________________
Horst 
Dieser Beitrag wurde schon 2 mal editiert, zum letzten mal von Horst1956 am 30.03.2010 10:04.